Orange Dominanz

Einmal mehr avancierte Kissling-Motorsport beim 6. Lauf zur BFGoodrich Langstreckenmeisterschaft zum Publikumsliebling und Favoriten-Schreck. Das Team startete mit drei Fahrzeugen in die zweite Saisonhälfte, zwei davon landeten auf dem Treppchen und das dritte frühzeitig in der Box. Grund dafür war kein Aus- oder Unfall, sondern lediglich Materialschonung.

Schon im Training drängten sich Fotografen, Filmcrews, Fans und Gegner in der Box von Kissling-Motorsport. Das Interesse galt in erster Linie dem neuen Projekt der Opel-Truppe aus Bad-Münstereifel, der Corvette Z06R. Kissling brachte den Renner erstmalig an den Start zu einem Langstreckenrennen, mit der klaren Aussage, Erfahrungen und Kenntnisse zu sammeln. Ins Volant der GM-Flunder griff neben Teamchef Stefan Kissling der wieder völlig genesene Josef Klüber, der sich auf seinen ersten „echten“ Corvette-Einsatz riesig freute. Auch wenn das Medieninteresse vorrangig der Corvette galt, so konzentrierte sich die straff organisierte Mannschaft in erster Linie auf den Opel Astra GTC mit dem Fahrertrio Fritzsche – Fritzsche – Wolf. Schließlich sollten sie es sein, die für den Rennstall aus der Eifel weiterhin um die Krone im Langstreckenpokal kämpften. Im dritten Auto, dem Opel Astra GTC Turbo, saß Stammfahrer Hannu Luostarinen, verstärkt durch Dimitry Dobrobvolskiy und den KW-Fahrwerke Geschäftsführer Jürgen Wohlfahrth. Das Training verlief für die drei Autos und deren Besatzungen verhältnismäßig unspektakulär. Während das meisterschaftsambitionierte Trio vier problemlose Runden drehte und den Astra GTC auf Startplatz eins der Klasse SP3 stellte, schossen sich die beiden Turbo-Neulinge auf den aufgeladenen Opel ein und machten ihre Sache mehr als gut. Dennoch was es der schweigsame Finne Luostarinen, der den Wagen auf Rang eins der Klasse SP3T stellte.

Wie schwer es ist, einen Rennwagen im Format einer Corvette schnell und sicher im Renntempo zu bewegen, erfuhr Josef Klüber bereits im Training. Schon in einer der ersten Kurven auf der GP-Strecke legte er eine blitzsaubere Pirouette hin und erst nach einigen Runden über die Kurzanbindung begann sich Klüber auf die 500PS einzustellen, die bei jeder kleinen Berührung des Gaspedals an der Hinterachse zerren. Teamchef Stefan Kissling hatte indes weniger Probleme, denn bereits in der Lausitz hatte er Zeit und Muse, sich auf das Fahrverhalten einzustellen und seine „Hecktriebler-Schwäche“ auszumerzen. Auf dem Boden der ehemaligen DDR fuhr Kissling gemeinsam mit Sascha Bert einen vierten und einen zweiten Platz heraus. Auf der Nordschleife reichte es für einen eindrucksvollen siebten Startplatz und eine Zeit, nach der sich viele der Top-Teams die Finger leckten.

Heinz-Otto Fritzsche übernahm den Start und ging von Gesamtrang 39 ins Rennen. Sein Versuch sich abzusetzen und sich so aus den üblichen Rangeleien rauszuhalten, wurde bereits in der Spitzkehre nach Start-Ziel über den Haufen „gefahren“. Er wurde angeschoben, musste einen weiten Bogen durch den Dreck fahren und dabei schlüpfte ein Großteil der zweiten Startgruppe am Astra vorbei. Damit nicht genug: Heinz-Otto Fritzsche wollte sofort wieder angreifen, hatte aber derart viel Schmutz auf den Hinterrädern, dass er nahezu ohne Grip in die nächste Kurve fuhr. Ergebnis: Ein Dreher, und der Rest von Startgruppe zwei fuhr am Opel von Kissling vorbei. Dennoch schaffte es Heinz-Otto Fritzsche, die gesamte zweite Gruppe zu durchpflügen und den Wagen auf Platz eins der Klasse SP3 an seinen Bruder Jürgen zu übergeben. Auf ihn wartete ein ausgesprochen ruhiger und angenehmer Stint über die trockene Eifelpiste. Auf Platz eins hatte er den Wagen übernommen, auf Platz eins übergab er das Auto an Marco Wolf, der das letzte Renndrittel anzugehen hatte. Wolf beschleunigte das Renntempo für drei Runden, um den durch den Boxenstopp verlorenen Abstand wieder herzustellen, nahm aber schon dann das Tempo deutlich raus, um das Auto zu schonen und nicht zu beschädigen.

Hannu Luostarinen, Startfahrer auf dem Turbo, konnte anfänglich Platz eins behalten, doch schon nach acht Runden wurde er auf dem dritten Rang der Klasse SP3T geführt. Obwohl die Performance des Astras stimmte und auch an der Fitness des Finnen nicht zu zweifeln war, musste er sich den schnelleren beugen. Er übergab das Autos auf Platz drei an Dimitry Dobrovolskiy, der seinerseits einen sonnigen Stint absolvierte, keine Problem hatte und sich mächtig über den gut laufenden Turbo-Astra freute. Jürgen Wohlfahrt fuhr das letzte Drittel und landete am Ende auf Rang zwei der Klasse: Im Langstreckensport zählt Konstanz, was einer der Wettbewerber zumindest bei diesem Rennen nicht mitbrachte und mit technischen Problemen ausfiel.

Die Corvette wurde während der ersten Runden von Stefan Kissling pilotiert, der zur Freude aller den „oberen zehn“ mächtig einheizte. Herzerfrischend fuhr Kissling mitunter schneller als der hochgelobte H&R Caymann, genauso schnell wie der Gesamtzweite und deutlich schneller als der auf Platz drei liegende Porsche. Das brachte dem Rennstall nicht nur große Sympathien der Zuschauer entgegen, auch in der ganzen Boxengasse zollte man dem Team Respekt und Anerkennung vor der vollbrachten Leistung. Stefan Kissling übergab die „Vette“ an Josef Klüber, der zwar nicht ganz an die Zeiten seines Chefs heranreichen konnte, ihm aber dennoch dicht auf den Fersen war. Das Fahrerkarussell drehte sich bei der Corvette recht schnell, schließlich wollte man Erfahrungen, Kenntnisse und Werte für die Zukunft sammeln. Und so war die Reihe bald wieder an Stefan Kissling, der seine Erprobungsrunden drehen sollte. Wie ernst man die Sache mit den Erfahrungen nahm, zeigte folgende Begebenheit: Im letzten Renndrittel verschwand die Vette plötzlich aus heiterem Himmel in der Box. Klüber und Kissling ließen andere Federn montieren, um zu erfahren, welche Auswirkungen diese auf die Rundenzeiten haben. Eine Runde vor Schluss stellte das Team die Vette in der Box ab und beendete den Start in die zweite Saisonhälfte mit mehreren zufriedenen Gesichtern.